Irgendwann ist es so weit: Das erste Glas Rotwein steht vor einem. Vielleicht beim Abendessen bei Freunden, vielleicht beim Grillabend, vielleicht nach einem langen Tag. Und dann kommt die Unsicherheit: Schmeckt mir das? Darf ich sagen, dass es zu herb ist? Trinke ich das richtig?
Die Antwort auf all diese Fragen lautet: Ja. Ja, Sie dürfen es zu herb finden. Ja, Sie trinken es richtig. Und ja – mit den richtigen Empfehlungen werden Sie sehr schnell verstehen, warum Millionen von Menschen auf der Welt Rotwein lieben.
Dieser Guide ist für alle geschrieben, die gerade anfangen. Kein Fachvokabular, keine Pflichtlektüre, keine Bewertungspunkte. Nur ehrliche Empfehlungen für Weine, die wirklich zugänglich sind – und die Freude daran machen, mehr entdecken zu wollen.
Warum manche Rotweine „schwierig" sind – und andere nicht
Der Grund, warum viele Menschen beim ersten Rotwein-Versuch zögern, hat einen Namen: Tannine. Tannine sind natürliche Gerbstoffe in den Traubenschalen, die dieses leicht zusammenziehende, pelzige Gefühl auf der Zunge und im Mundraum verursachen. Bei einem jungen Barolo oder einem kräftigen Cabernet Sauvignon sind sie sehr präsent. Bei einem leichten Merlot oder Pinot Noir deutlich weniger.
Als Einsteiger sind Sie mit tanninärmeren Weinen besser beraten – nicht weil kräftige Weine schlechter wären, sondern weil der Gaumen etwas Zeit braucht, um sich an die Komplexität zu gewöhnen. Das ist wie bei Kaffee: Die meisten Menschen trinken am Anfang keinen schwarzen Espresso. Das kommt mit der Zeit. Und dann wird er unverzichtbar.
„Es gibt keinen falschen Rotwein für Anfänger. Es gibt nur Weine, die im richtigen Moment probiert werden – und solche, die noch etwas warten können."
1. Merlot – der sanfteste Einstieg
Wenn es einen Wein gibt, der für Einsteiger wie gemacht ist, dann ist es der Merlot. Die Traube wächst weltweit, bringt wenig Tannine mit und schenkt dem Wein eine weiche, runde Textur – seidig ist das Wort, das Weinprofis immer wieder verwenden. Aromen von Pflaume, reifen Kirschen und manchmal ein Hauch Schokolade oder Vanille. Zugänglich, einladend, angenehm.
Guter Merlot muss nicht teuer sein. Aus dem Languedoc in Südfrankreich gibt es hervorragende Flaschen zwischen 8 und 14 Euro. Aus Chile kommen ebenfalls schöne, fruchtbetonte Merlots zu vernünftigen Preisen. Halten Sie Ausschau nach Merlot aus dem Maipo-Tal oder dem Colchagua-Tal – tief dunkelrot, weich, mit reifer Frucht.
- Charakter: Weich, rund, kaum Tannine, viel reife Frucht
- Preisbereich: 8–18 Euro – guter Merlot muss nicht mehr kosten
- Passt zu: Pasta, Grillgemüse, leichten Fleischgerichten, Käse
- Tipp: Leicht gekühlt servieren – 16°C statt 20°C lässt die Frucht besser hervortreten
2. Pinot Noir – elegant und leicht
Der Pinot Noir ist eine Diva unter den Rebsorten. Er ist empfindlich anzubauen, liebt kühle Lagen, und bringt in den falschen Händen wenig Freude. In den richtigen Händen – und zum Glück gibt es davon viele – ist er schlicht unwiderstehlich.
Für Einsteiger empfehlen wir einen Pinot Noir aus Neuseeland, dem deutschen Anbaugebiet Baden oder der Pfalz, oder aus Oregon in den USA. Diese Weine sind zugänglicher als ein großer Burgunder (der seinen Preis und sein Alter braucht) und bieten trotzdem diesen unverwechselbaren Pinot-Charakter: rote Früchte, Erdbeere, manchmal Kirsche, etwas Blütenduft, seidenzarte Tannine.
Pinot Noir ist der Wein, der auch Weißwein-Trinker überzeugt. Er ist leicht genug, um als Übergang zu funktionieren – und komplex genug, um süchtig zu machen.
- Charakter: Leicht bis mittelschwer, rote Früchte, feine Tannine, eleganter Abgang
- Preisbereich: 10–20 Euro für guten Einstieg; Burgund ab 25 Euro aufwärts
- Passt zu: Lachs, Pilzgerichte, leichtes Geflügel, Ziegenfrischkäse
- Tipp: Kühl servieren – Pinot Noir zeigt sich bei 14–16°C von seiner besten Seite
Weingut Dr. Heger – Spätburgunder QbA, Baden
Einer der zugänglichsten deutschen Spätburgunders (Pinot Noir) – fruchtig, weich, mit einer schönen Würze. Ideal als Einstieg in die Welt des Pinot Noir. In gut sortierten Weinhandlungen erhältlich, ca. 12–15 Euro.
Zu unseren Weinempfehlungen →* Redaktionelle Empfehlung ohne gesonderte Vergütung. Mehr dazu in unserer Redaktionellen Richtlinie.
3. Tempranillo – Spaniens freundlicher Botschafter
Wer noch nicht viel mit spanischem Wein gemacht hat, wird überrascht sein, wie zugänglich ein guter Rioja sein kann. Tempranillo, die wichtigste Rebsorte Spaniens, bringt reife Kirschen, Leder, ein bisschen Tabak und die angenehme Würze des Eichenholzes mit. Rioja Crianza – das ist der jüngste der gereiften Rioja-Stufen – ist dabei besonders einsteigerfreundlich: fruchtig, weich, mit genug Struktur, um interessant zu sein, aber ohne die Massivität eines Gran Reserva.
Ein guter Rioja Crianza kostet zwischen 9 und 16 Euro und übertrifft in dieser Preisklasse fast alles, was aus anderen Regionen kommt. Das ist kein Geheimnis mehr – aber er lohnt sich trotzdem, immer wieder entdeckt zu werden.
- Charakter: Mittelschwer, reife Kirsche, Vanille, angenehme Würze
- Preisbereich: 9–16 Euro (Crianza), 16–30 Euro (Reserva)
- Passt zu: Lammfleisch, Tapas, Chorizo, gereiftem Manchego
- Tipp: Rioja Crianza trägt das Etikett „Crianza" – achten Sie darauf beim Kauf
4. Primitivo – die süße Überraschung aus Apulien
Der Primitivo aus Apulien, dem Absatz des italienischen Stiefels, ist einer der wärmsten, fruchtigsten Rotweine überhaupt. Vollreife Beeren – Brombeere, Pflaume, manchmal sogar Feige –, wenig aggressive Tannine, ein Hauch von Kakao und Gewürzen. Viele Menschen beschreiben ihn als „süffig" – und das meinen sie als Kompliment.
Er ist keine intellektuelle Herausforderung. Er macht einfach Freude. Für Abende, an denen man nicht nachdenken will, sondern genießen, ist er ideal. Und er kostet selten mehr als 12 Euro.
- Charakter: Vollmundig, weich, dunkle reife Frucht, wenig Säure, niedriger Tanningehalt
- Preisbereich: 7–14 Euro – einer der besten Preiswerte überhaupt
- Passt zu: Pizza, Pasta mit Fleischsauce, gegrillte Würste, reifer Cheddar
- Tipp: Zinfandel aus Kalifornien ist die genetisch identische Rebsorte – ebenfalls eine gute Wahl
5. Grenache – der unterschätzte Allrounder
Grenache (in Spanien: Garnacha) ist eine der meistangebauten Rebsorten der Welt – und gleichzeitig eine der am meisten unterschätzten. Das liegt daran, dass sie selten alleine im Rampenlicht steht: Im südlichen Rhône-Tal ist sie die Haupttraube des Châteauneuf-du-Pape, aber auch im einfacheren Côtes du Rhône trägt sie die Hauptlast.
Für Einsteiger ist ein einfacher Côtes du Rhône aus Grenache ideal: fruchtig, rund, mit einem Hauch Kräuter (Thymian, Lavendel), angenehmer Wärme und einem unkomplizierten Abgang. Er kostet zwischen 8 und 13 Euro und ist in jedem Supermarkt zu finden – was ihn zur perfekten Alltagsflasche macht.
- Charakter: Mittelschwer, rote und dunkle Früchte, Kräuter, warm und rund
- Preisbereich: 8–14 Euro (Côtes du Rhône), 12–25 Euro (Gigondas, Vacqueyras)
- Passt zu: Lammkoteletts, Ratatouille, Tapenade, würzige Gerichte
- Tipp: In Spanien als Garnacha erhältlich – oft noch günstiger bei ähnlicher Qualität
Was kommt nach dem Einstieg?
Wenn Sie sich durch diese fünf Empfehlungen probiert haben – und das ist kein Pflichtprogramm, aber eine Einladung –, werden Sie merken, dass Sie bestimmte Weine wiedererkennen, bestimmte Aromen suchen, bestimmte Abende mit bestimmten Flaschen verbinden. Das ist der Moment, in dem Rotwein aufhört, ein Getränk zu sein, und anfängt, ein Erlebnis zu werden.
Der nächste Schritt kann dann ein junger Chianti sein, ein Rioja Reserva, oder, wenn Sie mutig sind, ein Barolo – der König der italienischen Rotweine, der Zeit braucht und Aufmerksamkeit verlangt, aber dafür unvergesslich ist.
Bis dahin: Genießen Sie. Es gibt keinen falschen Einstieg.


